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Warum gehen wir in die Berge?

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…weil sie da sind
Als George Mallory gefragt wurde warum er auf den Mount Everest steigen wolle gab er die lapidare Antwort: „Weil er da ist.“ Könnte das wirklich ein Grund sein, all die Anstrengungen und Hindernisse auf sich zu nehmen, um auf die Berge zu steigen? Früher waren die Berge
der Sitz der Götter. Sie galten in allen frühen Kulturen als etwas heiliges, unberührbar, um die „Götter“ nicht zu stören. Zum Beispiel der griechische Olymp, der Kailash in Tibet, der Ayers rock in Australien, der Fujiyama in Japan. Gerade um die Berge wurde ein großer Bogen gemacht: Wer wollte sich schon freiwillig der Willkür von Wetterkapriolen aussetzen und sich zum Spielball der Naturgewalten machen?
Auch der Mount Ventoux in der Provence war ein heiliger Berg der Kelten, bis er 1336 von Petrarca bestiegen wurde. Er war damit vermutlich der erste Berg-Steiger, der einen Berg zum Selbstzweck bestieg und seine Naturerfahrungen schriftstellerisch verarbeitete. Vermutlich ist es auch die Neugier, die Menschen antreibt sich in unbekanntes Gelände zu wagen. Und es ist möglich, Berge zu besteigen – oder es zumindest zu versuchen. Allein diese Möglichkeit, dieses Prinzipiell-Mögliche, weckt Verlangen.

…. weil wir die Herausforderung suchen!
Da, wo es steil wird, gibt die Welt einen Widerstand vor, der im Flachland in der Form nicht da ist. Das ermöglicht Erfahrungen, die man anderswo nicht machen kann, und regt zum Denken an; in der Atmosphäre des Vertikalen funktioniert der Geist anders.
Es ist nicht zuletzt ein Fluchtziel, um der Hektik von Großstadt und digitaler Dauerbespaßung zu entkommen. Man will sich auf seine Wurzeln und das Wesentliche zurückbesinnen. Was beflügelt das Streben der Menschen? Warum bleiben sie nicht auf dem sicheren Boden, auf den sie in jedem Fall zurückkehren müssen?
Der vitale Mensch spürt in sich eine Kraft, die ihn nach oben treibt, fort vom alltäglichen sicheren Grund. Es ist eine Kraft die Wagnis erfordert, denn das Streben nach Höhe ist mit Gefahren verbunden. Der gesunde Mensch wird von einem Drang angetrieben, sich zu entwickeln, über sich hinauszuwachsen. Dieses Streben nach Höherem ist zu einer Metapher des Lebens geworden, deren Ausdruck auch für andere Lebensbereiche Verwendung findet.
Für Bergsteiger ist streng genommen, nicht der Gipfel das Ziel, sondern die Bewältigung der Schwierigkeiten, den Gipfel zu erreichen. Das Ziel, der Gipfel, wird, kaum erreicht, gleich wieder verlassen und ist austauschbar mit anderen Gipfeln. Das Ziel ist nicht, oben zu sein, sondern oben gewesen zu sein. Der Bergsteiger sucht Gefahren auf, um ihnen zu entgehen. Gerade dadurch, dass der Bergsteiger etwas tut, was an und für sich völlig nutzlos ist, zeigt er: ich kann es mir leisten! Ich nehme die Folgen freiwillig auf mich! Ich brauche mich nicht nur um meine Grundbedürfnisse kümmern, sondern kann eine Art überflüssigen Luxus kultivieren. Und es ist eine besondere Art von Luxus, wenn ich mich freiwillig auf einem primitiven Überlebensniveau quäle, obwohl ich auch in der Zeit und zum gleichen Preis eine Wellness-Kur im Vier-Sterne-Hotel hätte buchen können. Gerade dadurch, dass Bergsteigen zu nichts nütze ist, nützt es .

…. weil es gesund ist!
Ein Ausflug in die Berge wirkt wie ein hochpotentes Antidepressivum. Mit jedem Höhenmeter entsteigt man ein Stück weit seinem Alltag, lässt Sorgen und Problemchen im Tal zurück. Es ist medizinisch erwiesen, dass Bewegung an der frischen Luft auf das Gehirn wirkt. Studien belegen, dass Wanderer die glücklicheren Menschen sind und der Psychiater Markus Fischl von der Landesnervenklinik Linz ist sich sicher: „Wandern wäre unbezahlbar, wenn man es als Medikament verkaufen würde.“ Kein Wunder, denn Wandern regt die Gehirnzellen an, stärkt die Verästelung der Nervenzellen und setzt durch die erhöhte Sauerstoffzufuhr zusätzliche Energie frei. Doch damit nicht genug! Eine Studie der Universität Pittsburgh hat ergeben, dass regelmäßiges Wandern das Risiko von altersbedingtem Gedächtnisverlust um 50% minimiert und nebenbei auch noch die Konzentrationsfähigkeit erhöht: Personen, die unmittelbar nach dem Wandern einen Konzentrationstest absolvierten, schnitten darin deutlich besser ab als jene, die nur einen Stadtbummel unternommen oder sich auf dem Sofa ausgeruht hatten. Die kontinuierliche, vergleichsweise lange Belastung während des Wanderns stärkt das Herz-Kreislauf-System und baut Muskulatur auf. Außerdem werden Trittsicherheit und Gleichgewichtsgefühl geschult. Wandern und Bergsteigen sind somit ein ideales Koordinationstraining. Ein weiteres Plus: Wandern wirkt präventiv gegen Kummer, Antriebslosigkeit und Depressionen.

…. weil wir dabei wachsen können!
Viktor Frankl, der österreichische Psychiater und begeisterter Bergsteiger war wohl der erste der plausible Beweggründe dafür benannte weshalb man auf die Berge steigt: Jemand, der eine Herausforderung annimmt, geht seinen Lebensweg anders, als einer, der ziellos vor sich hin lebt. Der Blick auf den Gipfel, die Vision eines sichtbaren Zieles macht Mut, gibt die Richtung vor, setzt Energien frei, eröffnet Sinn – all das verglich er immer wieder mit einem Kletterer, der gerade dann besonders motiviert ist, wenn er in einer Wand eine unerwartet schwierige Steig-Variante findet. Der Geist müsse den Ängsten und Schwächen der eigenen Seele widerstehen, damit der Mensch an die Grenzen des ihm Möglichen gelangen könne. In der Kletterei, im gefahrvollen Balancieren über dem Abgrund, zwischen Sein und Nichtsein wiederum sah er eine heilsame Übung, die „Trotzmacht des Geistes“ zu stärken, um auch gegen die Alltagsängste gewappnet zu sein. Der Umgang mit der Angst lässt sich modellhaft also durchaus am Felsen üben.
Reinhold Messner hat es einmal so formuliert: „Die tiefsten Gründe auf die Berge zu steigen liegen darin, dass ich die stärksten Erfahrungen nur haben kann, wenn ich bis an den Rand der Möglichkeiten gehe… Wir steigen nicht auf die Berge, um Gipfel zu erreichen, sondern um heimzukehren in eine Welt, die uns als neue Chance, als ein nochmals geschenktes Leben erscheint“ Und Heinz Zak meinte dazu: „In vielerlei Hinsicht ist Klettern für mich eine Metapher für ein glückliches Leben geworden. Ich glaube, dass man, um glücklich zu sein, Anstrengungen auf sich nehmen muss, sich selbst führen und planen muss, um diese Geisteshaltung zu erreichen. Klettern ist dabei nur ein Transportmittel. Deine Leistungen im Klettern sind weit weniger bedeutend als das, was du in diesem Entwicklungsprozess lernst. Nicht was, sondern wie du etwas kletterst, zählt! Wenn du in ehrlicher Absicht etwas erreichen willst, wirst Zugang zu unglaublichen Kräften erlangen“
Ist es das, was in einem gesicherten, stark normalisierten, städtischen Leben nicht mehr zu finden ist? Es wird ein vermeintlicher Gegenpol zu dem erhofft, was die Alltagserfahrung prägt. Wenn beispielsweise ständig von der Ruhe in den Bergen die Rede ist, dann gibt es im Alltag offenbar ein Lärm- oder Stressproblem. Wenn von Authentizität die Rede ist, gibt es offenbar ein Problem mit einer hochgradig durch Kulissenerfahrung durchtränkten Welt.

….weil wir das Extreme suchen!

Inzwischen hat sich das Gebirge zur Sportarena entwickelt. Immer höher, immer weiter, immer schneller ist die Devise. Speed-Bergsteigen, Speed-Klettern, Speed-Skitouren,
Wingsiut-Base-Jumping, Canyoning , Free-Solo-Klettern sind neue Formen der Betätigungen. Berge Täler, Flüsse und Seen der Alpen bieten eine perfekte Spielwiese für extreme und riskante sportliche Betätigungen Extremsportlern geht es um den „Flow“. Sportpsychologen verstehen darunter einen Zustand, in dem der Mensch ganz eins ist mit sich selbst, sozusagen in seinem Tun aufgeht, darin „mitfließt“. In Untersuchungen geben Sportler an, dass sich im „Flow“ alles ganz mühelos anfühle und wie von allein ablaufe. Wer diesen Zustand einmal erreicht hat, will ihn immer wieder erleben – und dabei seine Grenzen ausloten. Bis ins Extreme. Diese Menschen wollen ihre Komfortzone verlassen. Und die sieht bei jedem Menschen anders aus. Wissenschaftler unterscheiden zwischen „Low“ und „High Sensation Seekern“. Extremsportler als „High Sensation Seeker“ brauchen in ihrer Sportart immer neue, komplexe Eindrücke und wollen darin Bestleistungen bringen. Dafür lohnen sich in ihren Augen auch körperliche oder soziale Risiken. Auch die bewusste Auseinandersetzung mit Angst und ihre Kontrolle, die Steigerung des Selbstwerts und des Identitätsgefühls spielen bei den persönlichen Motiven eine Rolle. Ebenso kann der Wunsch, aus einem überzivilisierten Leben auszubrechen und etwas Außergewöhnliches zu erleben, ein Beweggrund sein. Es geht darum, die Kompetenz wieder zu gewinnen, sich Erlebnisse den eigenen Fähigkeiten entsprechend zu erarbeiten. Eine absurde Randerscheinung ist dabei der Drang . sich außergewöhnliche, schwer zugänglich Orte zu suchen, nach dem Motto: „Schau was ich kann und wo ich bin“ und das Selfie dann in den sozialen Netzwerken zu posten. Die Natur wird dabei zur Kulisse der Selbstdarstellung.

…. weil wir es jetzt noch können.

Fast alle Berge sind bestiegen, die Technik und die Sicherheit haben einen hohen Standard erreicht, Leistungsgrenzen sind überschritten. Nirgendwo lässt sich der Klimawandel, so deutlich spüren wie im Gebirge. Naturereignisse wie Lawinen, Überschwemmungen, Bergstürze, Gletscherschmelze nehmen zu.
Vielleicht deshalb startet der DAV gerade jetzt die Kampagne: „Spüre dich selbst“ mit Informationen und Tipps, über analoge und digitale Kanäle, was Achtsamkeit im Bergsport-Kontext bedeuten kann. Es geht um den psychischen und gesundheitlichen Nutzen des Bergsteigens und den achtsamen Umgang in und mit der Natur. Entschleunigung am Berg, könnte das Thema lauten. Mache ich das Gipfelselfie für mich als Erinnerungsanker an einen Tag voll wertvoller Erfahrungen? Oder soll es nur Zeugnis meiner überragenden Leistung sein, auf dass mich die virtuelle Gemeinschaft bewundere? Wie schaffe ich es, mehr Kraft und Energie aus einer „normalen“ Wanderung zu ziehen? Und was erzählt mir eigentlich die Natur, in der ich mich bewege, wenn ich nur bewusst hinhöre und -sehe? Die Kampagne will Denkanstöße, Anreize und Ideen liefern, die Bergsportlerinnen und Bergsportler zu einem selbstreflektierten und selbstbewussten Umgang mit ihrer körperlichen und seelischen Gesundheit anregen. Es geht auch darum die innere Einstellung zu ändern, eine eigene Haltung zu finden. Eine Haltung zur Frage, was uns in jedem einzelnen Moment gerade wichtig ist und was uns in Zukunft wichtig sein soll.

Artur Zoll

Quellen:
https://www.sueddeutsche.de/reise/alpen-berge-tourismus-interview-Jens Badura 11/2018
https://www.alpenverein.de/bergsport/gesundheit/spuere-dich-selbst/spuere-dich-selbst-die-neue-dav-kampagne-fuer-gesundheitsorientierten-bergsport_aid_35056.html
https://www.bergnews.com/service/viktor-frankl/viktor-frankl.php, 2005
Warwitz, S.A.:Sinnsuche im Wagnis, Baltmannsweiler, 2016
Bilder: unsplash.com

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Symbolik der Natur und Landschaftstypen

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Natur und Landschaft sind zum einen konkreter Lebensraum für den Menschen, Pflanzen und Tiere.
Darüber hinaus stellen sie eine Fülle von Symbolen dar, die dem Menschen für Selbst- und Weltdeutungen zur Verfügung stehen.  In diesem Zusammenhang spricht man auch von „therapeutischen Landschaften“.  Gemeint ist hier der Resonanzraum, in dem und durch dem die psychischen und mentalen Wirkungen in Schwingung geraten. Im Verhältnis des Menschen zu Landschaft und Natur wird zudem stets auch sein Verhältnis zu sich selbst sichtbar. Die Erfahrungen, die wir in und mit der Natur machen, sind auch Erfahrungen mit uns selbst, weil Naturerfahrungen und Naturphänomene Anlässe sind, uns auf uns selbst zu beziehen.
An ein paar Beispielen soll hier aufgezeigt werden,  welche symbolische Bedeutungen verschiedene Landschaftstypen aufweisen.

Meer und Küste
Das Rauschen der Wellen, der Geschmack salziger Luft auf der Zungenspitze, das Gefühl von feinem, heißem Sand unter den Zehen. Keine andere Landschaft übt eine größere Anziehungskraft aus als das Meer. Meer ist Schwerelossein, Meer ist Abschalten und Durchatmen. Es ist Horizont und Tiefe, Ebene und Welle. Doch bisweilen zeigt sich das Meer auch gewaltig, laut ungestüm und zerstörerisch.  So ist das Meer die Metapher  einer großen Mutter, die uns sowohl tragen als auch verschlingen kann . Meer  ist der Rhythmus des „Ins-Meer-Hinausfahrens“ und des „In-den-Hafen-Zurückkehrens“   Die Sehnsucht nach der Ferne sowie das Heimweh nach Zuhause.  Für den  Naturcoachingprozess sind diese Qualitäten bedeutsam.

Berge

Berge wirken je nach Stimmung schützend oder bedrückend. Doch auf dem Gipfel biete sie einen befreienden Ausblick. Hier lassen sich Gedanken ordnen, losgelöst und über den Alltag erhaben. Das „Oben-angekommen-sein“ , besonders nach großer Anstrengung, löst einen  Endorphinschub aus.
Berge bieten dem Menschen eine Grenze und mit jedem Schritt eine Grenzerfahrung. Konzentration und Wille sind notwendig, um an das Ziel zu gelangen. Es müssen Entscheidungen getroffen werden, die für das Gelingen bedeutsam sind. Beschwerliches wird zurückgelassen, unangenehmes ausgeschwitzt, beengendes hinausgeschrien.  Der Berg ist kein Raum der Unschuld, er fordert und fördert die Annahme der Konsequenzen und provoziert einen würdigen Umgang mit ihm. Berge bieten viele sprachliche Metaphern, die für den Naturcoachingprozess  bedeutend sein können: Weitblick haben-auf einem Grat wandern- den Höhepunkt/ Gipfel  erreichen- über dem Berg sein – am Abgrund stehen-einen steilen Aufstieg erleben- eine Talsohle durchschreiten.

Wald

Der Wald kann Symbol sein für Ruhe, Freiheit, Schönheit, wird mit Lebendigkeit, Entspannung, Entlastung und Zufriedenheit assoziiert. Dadurch bewirkt er Wohlbefinden und trägt zur Erholung bei. Er steht aber auch für das Dunkle, Wilde, Mystische und Unbewusste. Er ist typisch für das
menschliche Leben, weil sich in ihm Verfall, Tod und Leben in analoger Weise wie beim Menschen ereignen .  Nirgendwo lassen sich Vernetzungen und ökologische Regeln besser verstehen als im Wald.  Besonders  Bäume haben in vielen Kulturen eine mystische und religiöse Bedeutung. Sie stehen für Entwicklung und Wachstum, fest verwurzelt und stabil, Nahrungsquelle und Lebensspender, Bäume strahlen Stärke aus, Widerstandskraft und Harmonie.

Der Wald und besonders Bäume  sind  für den Naturcoachingprozess besonders geeignet, weil hier widersprüchliche psychische Zustände extrahiert werden können.  Das Erleben der äußeren Natur ist fast immer ein Spiegel der inneren Natur und der aktuellen Befindlichkeit des Menschen.

Mittelgebirge

Mittelgebirge  bieten einen guten Überblick mit rascher Orientierungs –und Erkundungsmöglichkeit.  Mittelgebirgslandschaften wirken weniger „bedrohlich“ wie Berge oder Meer und lösen deshalb eher positive Reaktionen aus. Sie bieten eine Mischung aus Baumgruppen und offener Landschaft. evtl. mit Blick auf Gewässer, wie Seen oder Flüsse. Die Sinne werden dabei weder überfordert noch unterfordert. Diese Erkenntnis  bezieht sich auf evolutionsbiologische Annahmen, wonach die Menschheit sich aus den Savannengebieten entwickelte. Menschen fühlen sich demnach  im Allgemeinen von Umwelten angezogen, die ihr Überleben am besten sichern.  Für das Naturcoaching sind sie deshalb gut geeignet weil sie unterschiedliche Wirkungsräume und Erfahrungsebenen bieten, die in den Coachingprozess integriert werden können.

 

Fazit:

Äußere Natur und Landschaft beeinflussen immer auch die innere, psychische Natur des Menschen und umgekehrt. Natur und Landschaft können symbolisch zum Spiegel des Menschen werden und deshalb treten in unseren Natur-und Landschaftsbeziehungen auch Selbstaspekte zu Tage beziehungsweise werden uns zugänglich.  Auf diese Weise können Landschaft und Natur zur „Membran subjektiver Erfahrungen und Leiden“ werden.  Naturerlebnisse bewirken Resonanz und können symbolisch interpretiert werden. Eben deshalb kann mit Naturerfahrung auch Selbsterfahrung verknüpft sein. Natursymbole können genutzt werden, und sich selbst zu beschreiben und zu verstehen.

 

Quellen:

Gebhard, U./ Kistemann, T.  Hrsg. (2016) Landschaft, Identität und Gesundheit. Zum Konzept der therapeutischen Landschaften. Wiesbaden: Springer VS
Kreszmeier, A.H. (2012) Systemische Naturtherapie. Heidelberg (Carl Auer)

 

 

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Unterschiede zwischen Coaching und Training

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Oft werden die Begriffe „Coaching“, „Training“ und „Beratung“ bedeutungsgleich verwendet bzw. verwechselt. Eine Ursache für die teilweise unklare Begriffsverwendung ist ein Beratungsverständnis, welches regelmäßig Begrifflichkeiten, seltener hingegen Inhalte austauscht. Denn grundsätzlich ist es möglich, die Begriffe „Coaching“ und „Training“ voneinander zu unterscheiden.

Das Training dient dem gezielten Auf- und Ausbau bestimmter Verhaltensweisen, d.h. es geht um das Erlernen eines für eine bestimmte Situationen „idealen“ Ablaufmusters.

Der Schwerpunkt ist dabei das individuelle Verhalten bzw. die Trainingsinhalte.

Typische Beispiele für solche Trainings sind das Verkaufstraining, Moderationstraining, Motivationstraining, Rhetoriktraining, Gedächtnistraining u.v.m. Hier ist der Trainer der Experte, der Spezialwissen vermittelt. Besonders charakteristisch für ein Training ist der Aspekt der (wiederholten) Übung, welche im Beisein des anleitenden, Feedback gebenden und korrigierenden Trainers und unter Selbstanleitung umgesetzt wird.

In dieser Funktion kann das Training als Maßnahme durchaus auch im Coaching eingesetzt werden, z.B. um offenbar gewordene Verhaltensdefizite zu korrigieren.

Das Coaching bietet dann den Anlass und den Rahmen, spezielle Fertigkeiten aufzubauen bzw. zu verbessern. Dies kann bei entsprechender Qualifikation durch den Coach geschehen, aber auch – dies ist immer vom Einzelfall abhängig – an einen entsprechenden Spezialisten delegiert werden. Coaching ist also kein Training, kann dieses aber beinhalten, da sich beide Maßnahmen durchaus sinnvoll miteinander kombinieren lassen.

Dennoch ist Coaching in seiner Grundfunktion kein Training, sondern ein Begleitungsprozess, in dem der Klient dabei unterstützt wird, (s)eine eigenständige Lösung seines Anliegens herbeizuführen. Als Prozessberater nimmt der Coach dem Klienten weder eine Aufgabe ab, noch fungiert er als „Besser-Wisser“.

Sein Expertentum konzentriert sich auf die Begleitung des Prozesses der „Hilfe zur Selbsthilfe“. Im Unterschied zum Trainer muss der Coach keine direkte Lösung kennen bzw. vermitteln, sondern es dem Klienten ermöglichen, seinen eigenen Weg zu finden.

Fazit: Bei Coaching und Training handelt es sich um unterschiedliche Begriffe, die nicht synonym verwendet werden müssen. Beide Verfahrensweisen haben unterschiedliche Stärken und Einsatzgebiete. Je nach Ausgangslage und Zielsetzung sollte daher genau überlegt werden, ob ein Coaching oder ein Training angezeigt oder explizit eine Kombination gewünscht ist.

Die wesentlichen Unterschiede zwischen Coaching und Training im Überblick

Der Coach ist primär Zuhörer, entwicklungsorientierter Begleiter und Gesprächspartner;
der Trainer ist überwiegend Anleiter, Instruktor, Experte.
Coaching bedient sich häufig psychotherapeutischer Methoden und Interventionen (ohne deswegen zur Therapie zu werden),
Training beschränkt sich i.d.R. auf fachliche Anteilung.
Coaching richtet sich an Führungskräfte und Personen mit Managementaufgaben und erfordert (betriebs-)wirtschaftliche Fachkompetenz und Unternehmenserfahrung.
Beim Training steht die technisch-fachliche Kompetenz im Vordergrund.
Coaching beschäftigt sich mit der Analyse der Wahrnehmung der Aufgaben und der Gestaltung der Rolle;
Training arbeitet mehr an der Analyse konkreter Verhaltensdefizite und dem Aufbau spezifischer (Fach-)Kompetenzen.
Coaching ist ein reflexives Verfahren,
Training eine fachliche Anleitung bzw. Unterweisung.
Coaching ist beziehungsorientiert und hat die Beziehungsaufnahme und -gestaltung als Ziel;
Training ist sachorientiert, eine Beziehungsaufnahme ist möglich, aber ein „Nebeneffekt“.
Coach und Klient bestimmen zusammen Inhalt und Ablauf; der Gecoachte behält die Verantwortung für sein Handeln.
Im Training bestimmt der Trainer den Inhalt und Ablauf der Übungen und leitet gezielt an.
Eine Coaching-Beziehung sollte kein Gefälle beinhalten;
beim Training ist der Trainer als Fachexperte in seinem Fachgebiet klar überlegen.
Coaching hat stets „Hilfe zur Selbsthilfe“ als Ziel;
Training zielt auf den Auf- und Ausbau spezifischer Verhaltensweisen.
Ein Coaching-Prozess dauert nicht selten mehrere Monate.
Ein Training kann auch an einem Tag bzw. Wochenende stattfinden.

Quelle: Coaching-Report, Christopher Rauen

www.coaching-report.de

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Rituale im Naturcoaching

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Was ist ein Ritual?
Im Naturcoaching wird mit Ritualen durch bestimmte Handlungen und Zeremonien ein besonderer Erlebnisraum geschaffen, der mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt werden kann. Ein Ritual trennt den Menschen von seinem gewohnten Alltag mit seinen Zwängen und Begrenzungen. Dadurch wird es zu einer Art Auszeit, die es uns möglich macht, in Kontakt zu unserem Wesenskern zu treten und dessen Botschaft zu empfangen.

Wann ist ein Ritual sinnvoll?
Rituale im Naturcoaching sind immer dann sinnvoll, wenn eine Situation oder ein bestimmter Zustand nachhaltig verändert werden soll. Dies beinhaltet sowohl Situationen die wir selber beeinflussen können oder Lebensübergänge und Krisensituationen mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Nur allzu oft nehmen wir uns nicht die Zeit, diese Übergänge bewusst zu gestalten. Folge davon sind Verunsicherung, Trauer oder Depressionen. Ein Ritual kann helfen, die Situation bewusst anzugehen, sich den Ängsten zu stellen und mutig einen Schritt weiter zu gehen. In der Gestaltung von Ritualen sollte berücksichtigt werden, in welcher emotionale Situation sich der Coachee mit seinem (Lebens)-thema befindet. Wesentlich ist die Absicht, dass etwas Sinngebendes geschehen soll und dafür der Raum geschaffen wird. Es soll ermöglichen sich mit dem Vergangenen und dem Zukünftigen auseinanderzusetzen und sich innerlich und äußerlich neu auszurichten.

Wie werden die Rituale gestaltet?

1.Das Ritual vorbereiten
Die Absicht für das Ritual klären, z.B.: Zur Veränderung welcher Probleme oder Fragen soll das Ritual dienen?
Soll etwas gewürdigt, verabschiedet oder begrüßt werden?
Was ist das zentrale Thema, um das es im Ritual gehen soll?
Welche Handlung passt zu meiner Absicht und zu mir?
Welches Element wähle ich dafür? (Feuer/Wasser/Erde/ Luft)

Ein Symbol wählen
Welches Symbol könnte im Mittelpunkt des Rituals stehen?
(Gegenstände aus der Natur/rituelle Worte/Affirmationen)

Ort, Raum und Zeit bestimmen
Wo soll das Ritual stattfinden?
Wie lange soll es dauern?

Die Rolle von beteiligten Personen überlegen
Welche Personen sollen noch beteiligt sein?
Soll jemand mich durch das Ritual hindurchführen?

Selbstverantwortung übernehmen
Will ich die Themen alleine klären oder soll mich begleiten und ggf. auffangen?

  1. Das Ritual durchführen
    Beginn des Rituals
    – Schwelle überqueren, das absichtsvolle Betreten des Naturraumes
    2. Kern des Rituals
  • Ablösephase
  • Neuanbindungsphase
  1. Abschluss des Rituals
    Verabschiedung vom Ort/ Auflösung
  • Das Ritual nachbereiten
    Erdung, Wiedereingliederung, Reinigung

Literatur: Heisig, Marascha Daniela, „Sinn finden in der Natur“ Patmos-Verlag, Ostfildern 2013

 

 

 

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Was ist Resonanz?

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Was ist Resonanz?

Der Begriff Resonanz wird in vielen Bereichen bzw. (Alltags-)Zusammenhängen verwendet, z.B. in der Physik, der Musik oder der Soziologie. Resonanz kommt vom lateinischen „resonare“ und bedeutet widerhallen, mitschwingen. In Physik und Technik bezeichnet Resonanz das verstärkte Mitschwingen eines schwingungsfähigen Systems, dessen Eigenfrequenz in der Nähe der Anregungsfrequenz von außen liegt. Sie kann bei allen schwingfähigen Systemen vorkommen und tritt im Alltag häufig auf. Gängig ist der Begriff auch in der Musik, wo man bei einem Instrument vom Resonanzkörper spricht, dessen Aufgabe es ist, Töne zu verstärken.
Im Lexikon der Psychologie findet sich der Begriff „empathische Resonanz“, der das „Mitansprechen oder Mitschwingen von Gefühlen oder Gedanken bei anderen Menschen“ bezeichnet. Diese empathische oder auch affektive Resonanz wird auch als emotionale Ansteckung bezeichnet, da sie vor allem das Mitfühlen von Gefühlen des Anderen beschreibt. Schlägt sich jemand z.B. mit dem Hammer auf den Finger, leiden wir sozusagen mit. Sowohl weil wir uns kognitiv den Schmerz vorstellen können, als auch weil wir durch dieses Ereignis tatsächlich selbst unangenehme Gefühle empfinden. Die Fähigkeit, Gefühle eines anderen Menschen empathisch wahrzunehmen, ist im Menschen von Geburt an angelegt und entwickelt sich im Laufe des Lebens in Beziehung zu einer Bezugsperson. Schon kleine Kinder trösten in der Regel die Mutter, wenn diese weint. Sie sind früh in der Lage, den Gefühlszustand zu erkennen und selbst zu reagieren.
Resonanz entsteht, weil wir einander und auf vielerlei Weise in Worten, Gesten, Mimik und Beziehung antworten. Jeder Körper ist ein Resonanzkörper für Reize von außen, auf die er eine Passung und eine bestimmte Frequenz herstellt. Menschen brauchen Resonanzen in Beziehungen um zu überleben. Menschliche Wesen sind von Natur aus Resonanzkörper.

Die Wirkung des Natur-Coaching beruht auf der Resonanz zwischen der Natur und dem Menschen.
Wenn der Natur-Coach das Anliegen des Coachees  geklärt hat, ist die Wahrnehmung geschärft und man geht focussiert in die Natur.  Aus dem unbedarften Schauen wird ein In-sich-Aufnehmen und Wirkenlassen. Das Wahrgenommene, als Ergebnis einer Resonanz, wird auf eine neue Art mit dem Anliegen verknüpft und die Bedeutung interpretiert. Durch Rituale, gestalten von „Naturräumen“ und Handlungen werden die Erkenntnisse wertgeschätzt und zum Wirken gebracht. Ein „Bild“ oder eine Situation in der Natur bekommt erst dann seine Bedeutung, wenn der Betrachter in dieser Begegnung Resonanz erfährt, die für ihn bzw. seinem Anliegen hilfreich sein kann.

Literatur:
Rosa, Hartmut, Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung, Suhrkamp, Berlin 2016
Tarr, Irmtraud, Resonanz als Kraftquelle: Die Dynamik der menschlichen Begegnung, Herder, Freiburg 2016